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Der interessanteste Teil der Gerichtsverhandlung Zahir’s abseits des Protokolls

Erster Zeuge:

 

und jetzt stehe ich hier

in einem Bettlerhemd

inmitten meiner Zwanziger

stehe ich und

habe keine Absicht

außer den Tag zu retten

und meine Aussage zu verschleiern

ich stehe vor der Sonne, die den Himmel zerreißt

 

Zweiter Zeuge:

 

Warum ist es so passiert Zahir?

in den Gedichten schrieben sie, es muss plötzlich geschehen

warum ist es so passiert?

 

Gutachter:

 

Diese Wut

ist der Weg der Verzweifelten

man kann nicht ohne leben, man kann nicht sterben

er kann nicht verbunden sein mit

der Eifersucht des Jugendlichen

sie kann nicht vor den Brunnen fliehen

Armut, Studentensein, Hochmut

nicht sehr professionell, grauer Dilettant

die aufgerissenen Augen

der Fische, wie sie aus dem Aquarium genommen werden

 

Zweiter Zeuge:

 

Gleichwohl, Du hattest große Hoffnung

eine riesige Jugend vor Dir

Du sahst Ultramarinlichter

wo die Blumen zerbersten (explodieren)

die Straßen wurden zu eng für Dich

deine Hände fingen an zu schwitzen

deine Beine füllten sich mit einer Kraft, die nie versiebt

Du hattest geliebt, Zahir, Du wurdest geliebt

dann hast Du jedes erdenkliche Verlassen gelernt

 

 

Erster Zeuge:

 

Hab keine Angst

Ich nehme Dich fort

zu den Füßen des Bergs,

wo ich Deine Hände küsse mit einem Reichtum,

in dessen Schuhe ein Saum aus Kiefernwald genäht ist

 

Zahir:

 

Mein Zimmer war klein

es wuchs, als sie eintrat

in die Löcher des Fliegengitters

laufen die verpassten Züge

 

Gutachter:

 

Bist Du gegangen, weil Du Angst hattest?

Du bist gegangen, weil es keine Stadt mehr zum leben gab (?)

 

Zweiter Zeuge:

 

Du kanntest jedes erdenkliche Verabschieden

hast gelernt, Dich ablenken zu lassen

Du hast Dir die Worte der sinnlos Verstorbenen gemerkt

um deine innere Dunkelheit zu heilen

um sie einen spaltbreit enger zu machen

du hörtest nicht auf zu fragen „wie viele Grenzen muss man passieren, um nach Hause zu finden?“

 

Gutachter:

 

Ich weiß es nicht

 

Zahir:

 

Sie schürften meine Augen

um meinen Appetit zu stillen

Ich dachte Armut müsse einfach sein

 

doch dann verwiesen sie die Hungersnöte der Lehrpläne

 

Erster Zeuge:

 

und ich stehe

unter der Stadt des Scheichs, der mich nicht erkennt

während ich durch das Durchdrehen meiner Reifen die Bilder tiefer eingrabe

Ich kichere wie ich die Namen erkenne, dich ich vergessen hatte

 

Gutachter:

 

einige Lieder, die nur

beim Frühstücken gehört werden können,

kleben in deinem Kopf

wie ein beschissener Klebstreifen,

der Dreck an der Wand lässt, wo er abgerissen wurde

 

Zahir:

 

Mein Zimmer war klein,

mein Bett war schmal

als sie in mein Zimmer kam, schmolz der Boden

I will meine Augen zurück in ihre Höhlen

damit ich ihre nackten Füße betrachten kann

 

Zweiter Zeuge:

 

Du wusstest viel in vergangenen Zeiten

in vergangenen Zeiten wurdest Du sogar geliebt

hab ich es erwähnt

wie merkwürdig, würde man vergessen wie man weint

in vergangenen Zeiten wusste ich sehr wohl, ob

jemandes Fleisch taub wird für das Nichts,

ob Hunger, Kälte, Einsamkeit, jemandem die Luft abschneidet,

während man sich vage erinnert, wie man lächelt

 

Erster Zeuge:

 

Jetzt einen Kaffee und/oder einen Tee und ein bischen Brot

Ich stehe hier, während ich jeden Winkel des Universums bereise

wie eine entsehnte Fleischkeule

Ich stehe auf dem Phoenix des Imperiums

tägliche Wahnsinnigkeiten in meinen Taschen

Ich stehe hier

mit dem Duft von Reyhan auf meinen Lippen

 

Gutachter:

 

und mit einem Duft von Reyhan

und mit einem Reyhan

Reyhan

Duft stehe ich hier

 

Zahir:

 

Mein Atem ist trocken

meine Dächer sind feucht

Ich werde mich nicht auflehnen

aber natürlich verzeiht mir

es kann nicht das Ende sein

heute ist zu viel Donnerstag für uns

 

Zweiter Zeuge:

 

Ich sehe vor mir was ich verlor

doch müsste es hinter mir sein

verstreut in die Landschaftsgestaltung meiner Jugend

begraben mit neuem Trost

wie man einen Eimer Wasser über den geschrubbten Marmorboden spült

gewaschen mit heiligen Erwachungen

Ich kann mich nicht erinnern Zahir

 

Richter:

 

Wie kann jemand so etwas vergessen?

 

Gutachter:

 

Es dauert zu lange, um daran zu glauben, der Vergessene habe das Bewusstsein nicht verlassen

 

Erster Zeuge:

 

Hab keine Angst

und wir werden hier stehen

wieder mit einem Duft von Reyhan auf unseren Lippen

 

Richter:

 

Wie kannst Du still sein,

wenn all dies gewusst ist, Zahir?

 

Zahir:

 

Ich kann nicht reden

 

Gutachter:

 

Ah.

Die Welt einer sternlosen Nacht

 

URTEIL:

Die Nacht

so ein langes Wort

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